Stefan und Marion oder was Selbstbestimmung mit Marschmusik und Smartphones zu tun hat

Es ist kühl, nass und grau an diesem Abend in Bern. Die farbigen Lämpchenketten auf der Terrasse vor dem Restaurant Provisorium46 leuchten einladend in der Dunkelheit. Drinnen in der Gaststube ist es warm und gemütlich. Es duftet nach frischem Brot und Basilikum. An den antiken Holztischen unterhalten sich lebhafte, hip gekleidete Studierende aus der benachbarten Uni. Nebenan wärmen sich zwei Gäste an dampfenden Suppentellern.

Hinter der Bar zapft ein hochgewachsener Mann konzentriert ein Bier. Während er das Glas auf das Servierbrett stellt und beginnt, ein weiteres zu füllen, eilt eine junge Frau mit zusammengebundenen braunen Haaren herbei und ruft die nächste Bestellung in die Küche.

Stefan und Marion sind seit über einem Jahr Teil des Gastro-Teams im Provisorium46. Sie ergänzen und kennen sich gut. Stefan arbeitete vorher auf einem Bauernhof, welcher zu einer Behinderteninstitution gehört. „Zusammen mit sechs oder sieben anderen Bewohnern habe ich dort alles gemacht, gemistet und geheut und die Kühe gemolken“, sagt er. Anlässlich der Europameisterschaft 2016 leistete er einen Einsatz im Provisorium46 - und blieb: „Ich wollte etwas Neues erleben und es machte grossen Spass. Ich bin gerne unter Menschen, lasse Bier raus und mache den Service. Auch die Küche unterstütze ich, zum Beispiel indem ich die Guetzli oder Praliné für den Kaffee zubereite.“

Auch für Marion ist dies der erste Job im Service. Sie studiert Sozialwissenschaften an der Uni Bern. „Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich keine Menschen mit Behinderung. Meine Arbeit hier hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. Zum Beispiel bin ich mir erst jetzt bewusst, dass Menschen mit Behinderung selbständig sein und einen echten Beitrag zu einem funktionierenden Betrieb leisten können. Stefan übernimmt seit einiger Zeit auch stressige Abendschichten oder kann neue Angestellte einführen, indem er ihnen die Arbeitsschritte auf verständliche Art und Weise erklärt. “

Stefan pflichtet ihr bei: „Ja, ich habe viel gelernt in der Zeit, seit ich hier arbeite. Mein Ziel ist es, die Kasse bedienen zu können. Ich kann es jetzt fast. Nur in stressigen Situationen überlasse ich es lieber noch meinen Kolleginnen oder Kollegen. Ich habe zudem einen Kochkurs besucht. Und meine nächsten Ziele sind, die Vorspeisen alleine vorzubereiten und den Gästen den passenden Wein empfehlen zu können.“

Während er die Biergläser den Studierenden an den Tisch bringt, sinniert Marion: „Irgendwie entsteht eine spezielle Stimmung im Team, wenn Menschen mit und ohne Behinderung dabei sind. So eine „Willkommens-Stimmung“, in der wir alle zugehörig sind und wo unsere Unterschiede gar nicht mehr wichtig sind, beziehungsweise positiv werden. Für mich ist die Behinderung bei meinen Teamkollegen nicht mehr relevant, ich nehme sie gar nicht mehr wahr. Dies spüren auch die Gäste. Wir bekommen sehr viel Feedback und sie stellen Fragen über das Projekt. Viele finden es logisch, dass Menschen mit Behinderung auch dazugehören möchten. Ich hoffe, dass durch unser Beispiel andere Geschäfte motiviert werden, Menschen mit und ohne Behinderung anzustellen.“

Stefan hat in dieser Zeit einen Tisch abgeräumt und stellt routiniert die schmutzigen Gläser in die Abwaschmaschine. Dann wischt er das Servicetablett ab, stellt sich an die Bar und ruft den Gästen, die das Lokal verlassen, ein paar verabschiedende Worte zu.

Das Coaching im Provisorium46 beschränkt sich nicht nur auf Fachkompetenzen, ebenso wichtig sind Sozialkompetenzen wie zum Beispiel ein Gespräch mit verschiedenen Menschen zu führen, im Quartier einzukaufen oder an öffentlichen Anlässen teilzunehmen. Menschen mit Behinderung sollen an allen Lebensbereichen teilnehmen können. Stolz zeigt Stefan sein Smartphone: „Das habe ich mir letzten Samstag gekauft. Vorher hatte ich noch nie eins. Jetzt kann ich chatten, Fotos machen und bin über alles informiert.“

„Und umgezogen bist du auch“, fügt Marion hinzu. „Als du fertig eingerichtet warst, hast du ein paar Leute aus dem Team und deine Freunde aus der Institution, wo du früher lebtest und arbeitetest eingeladen zu Tee und Schoggikuchen.“

Stefan nickt: „Ja, das war schön. Früher hatte ich mein eigenes Zimmer in einer WG mit fünf anderen Menschen mit Behinderung. Mein Traum war es aber schon lange, alleine zu wohnen. Jetzt wohne ich in Bümpliz und kann das tun, was ich will. Ich koche auch für mich selbst. Am liebsten Spaghetti Bolognese, oder Reis mit Gemüse.“

Und wie steht es mit Ausgang? Stefan ist ja schliesslich 29 Jahre jung; ein Alter, in dem viele auch nachts gerne unterwegs sind.

„Das mache ich nicht so gerne. Aber ich freue mich total auf das Marschmusik-Konzert in Marthalen im Kanton Zürich im Juni. Ich gehe zusammen mit Marion hin, vielleicht kommt auch noch jemand anderes vom Team mit. Kannst du dir das vorstellen: Marion war noch nie in ihrem Leben an einem Marschmusik-Konzert! Höchste Zeit, dass sich das ändert!“

Marion lächelt verschmitzt: „Ich muss zugeben, dass ich in diesem Bereich noch keine Erfahrung habe. Mal schauen, wie es wird. Ich kann mir einiges davon jetzt schon vorstellen, weil du viel von diesem Anlass erzählst. Und du hast jetzt schon Angst, dass ich dann verschlafe, weil wir morgens um 9 Uhr dort sein müssen.“

Das bestellte Essen steht nun auf dem Küchenausschank-Tresen bereit. Stefan und Marion nehmen je zwei Teller. Auf dem Weg in die Gaststube ruft Stefan Marion lachend zu: „Ja gell, du darfst dann deinen Wecker nicht vergessen!“ Gut gelaunt verschwinden die beiden hinter der Ecke, um sich voll und ganz ihren Gästen zu widmen.

 

Das Restaurant Bar Provisorium46 ist ein Arbeitsintegrationsprojekt von Blindspot. Das Portrait über Stefan und Marion erschien im Jahresbericht 2017.

Weitere Informationen über das Provisorium46 finden Sie hier.

Foto: Mélanie Baierlé